Bildungspolitik und Inklusion, oder: wie Progressive ihre eigenen Vorurteile auf dem Rücken der Schüler zu verstecken versuchen

In der Bildungspolitik scheinen sich zwei Gruppen unversöhnlich gegenüberzustehen:

Konservative halten an der bisherigen dreigliedrigen Schulform von Hauptschule, Realschule und Gymnasium fest, mit dem Argument, dass Schüler sich hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit unterscheiden und in dieser Schulform jeder gemäß seinen Fähigkeiten untergebracht werden kann, ohne unter- oder überfordert zu sein.
Progressive hingegen sprechen sich für die Abschaffung jeglicher Differenzierung aus. Was mit den Gesamtschulen begann, mündet in die Gemeinschaftsschule, in der alle Schüler gemeinsam unterrichtet werden, unabhängig von ihrer individuellen Leistungsfähigkeit. Individuelle Unterschiede treten in den Hintergrund.

Beide Gruppen nehmen natürlich für sich in Anspruch, nur das Wohl der Schüler im Sinn zu haben. Doch offenbar unterscheiden sich die Auffassungen, was nun das Beste sei, eklatant. Das selbe Ziel, aber unterschiedliche ideologische Ausgangspunkte.

Beide Gruppen scheinen anzuerkennen, dass es Diversität gibt, dass Schüler sich auch hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit unterscheiden. Allein die Art des Umgangs damit weicht voneinander ab:
Während Konservative die Diversität so aufteilen möchten, dass relativ homogene Untergruppen gebildet werden, streben Progressive eher danach, heterogene Gruppen zu schaffen.

Das Ziel der Konservativen ist, innerhalb der homogenen Untergruppen Anforderungsbedingungen je nach Leistungsvermögen zu schaffen, um den einzelnen Schüler einerseits optimal zu fördern, andererseits aber auch vor der Frustration zu bewahren, ständig damit konfrontiert zu werden, dass andere leichter lernen und leistungsmäßig besser sind. Und auch davor, sich ständig unterfordert zu fühlen, weil andere langsamer sind und es nicht voran geht. Innerhalb homogener Gruppen ist die Leistungsvarianz eben geringer.

Das erklärte Ziel der Progressiven hingegen ist es, dass Schüler in heterogenen Klassen erfahren, dass es individuelle Unterschiede gibt und man trotzdem eine Gemeinschaft bilden kann.
Man hofft auf den Abbau von Vorurteilen durch das Zusammenleben in der Klassengemeinschaft und die Entwicklung von sozialer Unterstützung der Stärkeren für die Schwächeren. Die optimale Leistungsförderung des Einzelnen steht dabei nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Verbesserung des sozialen Zusammenlebens jenseits aller Klassen- und Leistungsunterschiede. Einige Progressive scheinen auch die Existenz individueller Begabungsunterschiede grundsätzlich zu leugnen und diesbezügliche Varianz als Ausdruck sozialer Benachteiligung zu betrachten, die durch die Zusammenführung sozialer Klassen aufgehoben werden kann.

Aus dieser Gegenüberstellung sollte deutlich werden, dass es der ersten Gruppe im Rahmen der Bildungspolitik um Leistungsoptimierung des Individuums geht, während es der zweiten Gruppe eher um „Sozialoptimierung“ innerhalb eines Kollektivs geht.

Einen Zusatzzweig neben dem dreigliedrigen Schulsystem stellt die Förderschule dar. Schülern mit besonderem Förderbedarf, sei es aufgrund von geistigen oder emotionalen Behinderungen und/oder Verhaltensauffälligkeiten, werden speziell geschulte Lehrkräfte an die Seite gestellt, die in überschaubaren Klassengrößen gezielt auf Stärken und Schwächen der Schüler eingehen können, um sie so optimal fördern zu können.

Progressive fordern nun, diese Förderschulen zugunsten der sogenannten Inklusion zu schließen und stattdessen Schüler mit speziellem Förderbedarf „wie alle anderen auch“ in den Regelschulen zu beschulen. „Inklusion“ bedeutet übersetzt „Einschluss in die Gemeinschaft“. Hierbei wurde die Behindertenrechtskonvention der EU missverstanden, die besagt, dass Behinderte auch im Bereich der Bildung nicht ausgeschlossen werden dürfen, wie es in einigen EU-Ländern noch der Fall ist. Damit hatte man im Sinn, auch für Behinderte das Recht auf Bildung EU-weit durchzusetzen. Dies ist in Deutschland bereits seit langer Zeit der Fall, wie ja die Existenz der Förderschulen gerade beweist. Progressive haben daraus aber nun seltsamerweise abgeleitet, dass die EU-Konvention die Sonderförderung von Behinderten verbiete und sie stattdessen in die Regelschule einzugliedern seien.

Wie kann es denn nun sein, dass das Angebot spezifischer Förderung von bedürftigen Schülern durch speziell geschulte Pädagogen in Kleingruppen als „Ausschluss aus der Gemeinschaft“, als Verstoß gegen die Inklusion aufgefasst werden konnte?

Meines Erachtens verrät es viel über die Vorurteile, die abwertende Haltung der meist akademisch gebildeten Befürworter der „Schule für alle“. Nur wer der Ansicht anhängt, dass Förderschüler, Hauptschüler oder generell all jene, die kein Abitur haben, defizitär sind, muss darauf hinarbeiten, dass diese Schüler nicht mehr sichtbar sind. Wer sie als „Nicht-Gleich“ betrachtet, muss überhaupt erst dafür eintreten, dass sie „gleich“ erscheinen, um mit dem Grundgesetz nach Artikel 3 konform zu gehen („Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“).

Daher würde ich all jenen, die Schüler dazu missbrauchen wollen, ihre eigenen Vorurteile gegenüber „Nichtakademikern“ zu verstecken, raten, zunächst einmal sich selbst zu hinterfragen, bevor das bislang sehr gute Bildungssystem Deutschland weiter unterhöhlt wird und dabei die Kinder und deren Zukunft auf der Strecke bleiben.
Die Bildungspolitik taugt nicht zum „Virtue Signalling“. Jedes Kind hat das Recht, nach seinen Begabungen und Fähigkeiten gefördert und zum Optimum gebracht zu werden. Heterogene Beschulung wird keinem Kind gerecht, alle verlieren.

Sozialen Zusammenhalt zwischen Schülern unterschiedlicher Befähigung kann man auch dadurch fördern, indem gemeinsame außerschulische Aktivitäten gefördert werden, z.B. beim Sport oder kreativen Betätigungen. Indem die Beschulungsorte zusammengelegt und so Kontaktmöglichkeiten hergestellt werden.

Am Ende aber sind Schulen Orte der Bildungsvermittlung und nicht Labore für soziale Experimente, die man mit gesundem Menschenverstand bereits als zum Scheitern verurteilt prognostizieren kann.

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